Im Jahr 1986 sang die deutsche Sängerin Juliane Werding Ihr Lied "Das Würfelspiel". Sie erzählt darin aus der Perspektive einer jungen Frau auf der Heimreise, die an einem Winterabend am Bahnhof auf ihren Zug wartet. Dabei wird sie von einem alten Mann angesprochen, der vorgibt das gleiche Ziel, wie sie zu haben, und lässt sich von diesem zu einem Würfelspiel überreden. Doch sie kann gegen den alten Mann nicht gewinnen, verliert nicht nur Spiel um Spiel gegen ihn. Letztendlich ist sie so gefesselt vom Spiel, dass sie dabei ihren Zug verpasst. Doch sie hat Glück: Es kommt zu einem Unfall, bei dem der Zug entgleist (wahrscheinlich bereits kurz, nachdem er den Bahnhof verlassen hat), wobei 10 Menschen ihr Leben verlieren.
Wer das Lied nicht kennt, kann sich das Musikvideo am Ende meines heutigen Artikels anschauen.
Der Liedtext regt zum Nachdenken an. Zuerst erinnert er mich an den 3. Juni 1998: An jenem Tag entgleiste bei Eschede in Niedersachsen der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen". 101 Menschen kamen dabei ums Leben. Es war das bislang schwerste Zugunglück in Geschichte Deutschlands.
Damals absolvierte ich gerade meinen Wehrdienst beim Marinefliegergeschwader 2 Tarp//Eggebeck in der Nähe von Flensburg. Das Unglück ereignete sich an einem Mittwoch-Vormittag. Am Abend saß ich mit Kameraden in unserer Staffelbar und wir sahen in den Nachrichtensendungen die Bilder des Unglücks. Die Zuglinie, auf der sich der Unfall ereignete, war eine der beiden, mit denen ich ca. jedes zweite Wochenende freitagnachmittags nach Hause und sonntagnachmittags zurück zur Kaserne fuhr. An diesen Nachmittagen sind die Züge stets mit jeder Menge Wochenendpendlern wie z. B. Studenten oder Soldaten überfüllt. Evtl. bin ich am Sonntag zuvor sogar noch im gleichen Zug gesessen, der drei Tage später dann entgleiste. Wenn sich das Unglück da ereignet hätte, hätte dies mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur mehr Opfer gefordert. Ich wäre dann sicher auch eines davon gewesen ...
Doch im Lied von J. W. geht es um mehr als nur das Glück vor einem tragischen Unfall (oder sonst einem schweren und unvorhergesehenen Einschnitt/Ereignis) bewahrt worden zu sein. Zwischen seinen Zeilen wirft das Lied die Frage auf: Durch was oder durch wen werden die Ereignisse meines Lebens bestimmt? Im Refrain heißt es:
Niemand ahnt es wie der Würfel fällt. - Doch nichts geschieht durch Zufall auf der Welt.
D. h. wir können unser Leben noch so genau planen, wie wir wollen, wir können uns noch so gut auf jede nur erdenkliche Situation vorbereiten - es können stets Ereignisse eintreten oder Personen unseren Weg kreuzen (wie im Lied der alte Mann der zum Würfelspiel einlädt), die unsere Lebensplanung komplett über den Haufen werfen. Welche Folgen bzw. Auswirkungen dies dann hat, sieht man oft nicht sofort, meistens erkennt man es erst lange Zeit später aus der Rückschau. Unser Schicksal liegt nicht in unserer Hand und trotzdem geschieht nichts einfach so. Was wir in unserem Leben erfahren und erleben, folgt einem größeren, einem „Master-Plan“.
Für die junge Frau war das Pech ihren Zug verpasst zu haben evtl. die Rettung, weil sie dadurch nicht den Zug bestieg, der entgleiste. Und das konnte sie auch fast umgehend erkennen, als der Alarm im Bahnhof ertönte. Ich glaube sie wird dafür sicher dankbar gewesen sein.
Doch wie verhalte ich mich, wenn die Brüche in meinem Lebenslauf größer und von längerer Dauer sind. Was tue ich, wenn ich mich gerade in so einer "Umbruchphase" befinde. Was, wenn ich das Gefühl habe mein Leben habe sich irgendwie verlaufen und mein Ich steckt in einer Sackgasse? - Über diese Fragen möchte ich an den nächsten Mittwochen noch weiter (mit Euch) nachdenken.
Zurück zum Lied: Wer ist eigentlich der alte Mann mit dem Würfelspiel? J. W. macht sich in Ihren Liedern und Büchern hin und wieder Gedanken über Glaubensthemen. Vielleicht hat sie bei dem alten Mann an Gott gedacht. Irgendwie scheint mir diese Personifizierung am besten zu passen.
Im Lied gewinnt der alte Mann jedes Würfelspiel. Er hat stets einen Punkt mehr als die junge Frau, auch wenn das rechnerisch nicht möglich ist (weil man mit 3 Würfeln nie mehr als 18 Punkte werfen kann). Wir können mit unseren Gaben und Fähigkeiten viel erreichen. Aber wir können nie gegen Gott gewinnen, wenn er andere Pläne für und mit uns hat, reicht alles was wir haben und können nicht aus. Er ist uns immer voraus, hat immer eine Option mehr in der Hinterhand. Und das wiederum erinnert mich an das Gleichnis vom reichen Narren:
"Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Das Feld eines reichen Mannes hatte viel Frucht getragen. Und er überlegte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun, da ich keinen Platz habe, wo ich meine Früchte aufspeichern kann? Und er sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin alles, was mir gewachsen ist, und meine Güter aufspeichern und will zu meiner Seele sagen: Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und sei guten Mutes! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird gehören, was du bereitet hast?" Lukas 12, 16-20)
Wir können uns zwar meist entscheiden was wir tun wollen, welche Richtung wir einschlagen, welchen Weg wir gehen wollen. Doch was uns im nächsten Augenblick erwartet, was wir am nächsten Tag erleben und wer oder was uns nach der nächsten Wegbiegung begegnet, können wir nicht einmal erahnen. Unser Schicksal liegt in der Hand Gottes. Er bestimmt Anfang, Verlauf und Ende unseres Lebens. Ihm gegenüber sind wir verantwortlich.
Was denkt Ihr darüber? - Ich freue mich auf Eure Kommentare.
Das Würfelspiel
Mein Zug nach Haus ging erst um neun
im Wartesaal saß ganz allein
ein alter Mann mit gleichem Ziel
er lud mich ein zu einem Würfelspiel
lud mich ein zu einem Würfelspiel.
Ich sagte ihm: ,,ich spiele nie"
draußen fiel Schnee ein D-Zug schrie
da sagte er es geht um viel
es geht um dich in diesem Würfelspiel
geht um dich in diesem Würfelspiel.
Niemand ahnt es wie der Würfel fällt
doch nichts geschieht durch Zufall auf der Welt.
Was ich auch warf er hatte mehr
ich drei Mal sechs und neunzehn er
war wie in Trance vom Spiel erfasst
und hab dabei den Zug nach Haus verpasst
hab beim Spiel den Zug nach Haus verpasst.
Niemand ahnt es wie der Würfel fällt
doch nichts geschieht durch Zufall auf der Welt.
Dann gab's Alarm Signal auf Rot
der Zug entgleist zehn Menschen tot
der Mann war fort der Schleier fiel
in meiner Hand hielt ich das Würfelspiel
in der Hand hielt ich das Würfelspiel
ich verstand, warum der Würfel fiel.