Die Sonne stand schon relativ tief, als er vor den Eingang der Höhle trat, die nun wohl ihr neues „Heim“ sein sollte. „Ihr“ das waren seine beiden Töchter und er selbst, das war seine Familie oder zumindest das, was noch davon übrig geblieben war. Er ging ein paar Schritte den Berg hinab und setzt sich auf einen Felsbrocken. Dann führte er den Schlauch, den er in der einen Hand mit sich trug zum Mund, und nahm einen langen Schluck von dem Wein, der sich darin befand. Anschließend wischte er sich seinen Bart ab. Ein paar Tropfen waren eben über selbigen nach unten gelaufen und auf den Boden getropft, er hatte den vergorenen Traubensaft etwas zu heftig in die durstige Kehle geschüttet.
Ein paar graue Strähnchen, in dem noch vollen, üppigen Haarwuchs, der sowohl sein Gesicht als auch sein Haupt schmückte, verrieten, dass er ein Mann im fortgeschrittenen, mittleren Alter war. Aus dieser männlichen Haarpracht blickten nun zwei müde dreinschauende Augen ins Tal hinab. Und dort worauf sie blickten, konnte man außer einer dunkelgrauen, qualmartigen Masse kaum etwas erkennen. Von dort unten waren sie in der vorletzten Nacht hektisch aufgebrochen. Aber gekommen waren sie ursprünglich eigentlich von wo ganz anders. Während nun die Augen des Mannes versuchten diese dicke Schicht im Tal zu durchdringen gingen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit.
Es musste wohl schon mehr als 20 Jahre her sein. Damals war er mit seinem Onkel, seiner Tante und dem gesamten Besitz, den sie hatten, aus ihrer Heimat Haaran fortgezogen. Sie waren reiche Leute, sowohl sein Onkel als auch er besaßen große Viehherden, viele Knechte und Mägde. Menschen und Tiere waren wochenlang unterwegs, bis sie im Land Kanaan zum ersten Mal Station machten. Die erste Stadt, wo sie sich für längere Zeit niederließen, war Sichem. Später zogen sie weiter nach Bethel.
Dort kam es dann immer häufiger zum Streit zwischen seine Hirten und denen seines Onkels. Das Land war zu klein, es gab zu wenige Weideplätze und zu wenige Wasserstellen um die Viehherden von beiden ausreichend mit Futter und Flüssigkeit zu versorgen. Die Situation drohte fast schon zu eskalieren. Also hatten sie sich eines Tages getroffen, um die Lage zu besprechen und über eine Lösung zu beratschlagen. Dabei waren sie auf einen kleinen Hügel gestiegen, von dem aus man gut das ganze Umland überblicken konnte.
Sein Onkel hatte ihm die Wahl gelassen, wohin er ziehen wollte und so hatte er sich für die grüne und offensichtlich fruchtbare Jordanebene entschieden. Beim Gedanken daran seufzte er und nahm nochmals gierig einen Schluck aus dem Weinschlauch. So etwas wie eine kleine Farm wollte er sich aufbauen. Mit Ackerbau und Viehzucht wollte er noch reicher werden.
Es hatte zunächst auch alles gut und erfolgreich angefangen. Bis in die Nähe der Stadt Sodom waren sie gezogen. Dort hatten sie sich niedergelassen. Leider waren die Leute in der Stadt Fremden gegenüber sehr verschlossen. Und von seinem Glauben hielten diese Leute auch nicht viel. Überhaupt hatten es die Einwohner von Sodom nicht so mit Religionen. Eigentlich war ihnen gar nichts heilig. Ihr einziger Gott schien ihr Bauch zu sein. Die einzigen Dinge, die sie voll Leidenschaft trieben war, Fressen, Saufen und Sex. Aber wenn man nicht in der Stadt leben musste, wenn man nur für ein paar Stunden in der Woche auf den Markt gehen brauchte, um seine Waren zu verkaufen und um damit etwas Geld zu verdienen, war alles in Ordnung. Das Leben außerhalb der Stadtmauern war sehr angenehm.
Doch eines Tages war es zum Krieg gekommen. Der König von Sodom und der König von Gomorra hatten sich mit einigen anderen Königen zusammengetan, um gegen die Könige anderer Städte in die Schlacht zu ziehen. Die Könige von Sodom und Gomorra und ihre verbündete hatten verlohren. Feindliche Soldaten hatten die Gegend gestürmt, hatten geplündert, Beute und Gefangene gemacht. Zu der Beute zählte nicht nur sein Besitz, er war auch einer der Gefangenen. Doch nicht lange. Sein Onkel hatte davon Nachricht erhalten, er hatte seine Leute bewaffnet und war gekommen, um ihn samt seinem Hab und Gut zu befreien.
Dieses Erlebnis war der Anlass, dass für ihn und seine Familie nun alles anders wurde. Sie hatten zwar den Krieg überlebt, waren glücklich aus der Gefangenschaft befreit worden und auch ihre Tiere und Bediensteten waren wieder auf freiem Fuß. Doch an ein Leben wie zuvor, als wäre nichts gewesen, war nicht zu denken. Die feindlichen Soldaten hatten bei ihrer Plünderung alles verwüstet, Felder, Wiesen oder auch Wasserbrunnen waren fast zerstört, die Ernte für dieses Jahr entweder gestohlen oder kaputt. Es würde Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern, bis das alles wieder aufgebaut wäre, bis wieder alles so blühen würde wie vorher.
Deshalb hatte seine Frau die Idee, dass sie in die Stadt ziehen, ein festes Haus aufbauen und anfangen Handel zu betreiben, sich sozusagen ein zweites Standbein errichten sollten. Er fand die Idee gut und sie war auch recht schnell umgesetzt. Sie bauten relativ zentrumsnah in der Nähe des Marktplatzes ein neues Eigenheim. Schnell hatte die Familie sich eingelebt. Dazu trugen auch ihre beiden Töchter bei die sich mit jungen Männern aus der Stadt anfreundeten und geplant hatten bald zu heiraten. Doch dann eines Tages …
Seine Augen blickten in die untergehende Sonne die noch, wie ein roter Ball am Horizont zu sehen war, und nochmals nahm er einen kräftigen Zug aus dem mit Wein gefüllten Schlauch.
Keiner wusste genau, woher die beiden Männer gekommen waren, was sie hier wollten. Er saß an diesem Tag gerade im Tor und so hatte er ihre Ankunft mitbekommen. Er wusste, dass Fremde hier nicht willkommen waren. Doch hatte er von seinem Onkel gelernt, stets gastfreundlich und hilfsbereit gegenüber jedermann zu sein. Kaum dass er sie erblickte, ging er sogleich auf die beiden zu um sie zu begrüßen und lud sie ein mit zu ihm zu kommen. Doch sie weigerten sich zunächst standhaft, wollten unbedingt im Freien übernachten. Aber er lies nicht nach und so gelang es ihm schließlich die beiden zu überreden, dass sie mitkamen.
Nach dem Abendessen, als sie sich bereits schlafen legen wollten, wurde es laut ums Haus. Als er durch ein Fenster hinaus sah, bemerkte er, dass sich vor dem Haus ein großer Mob versammelt hatte. Die Menge brüllte seinen Namen und verlangte lautstark nach den beiden Fremden. Das Volk skandierten er solle sie ihnen herausgeben, damit sie ihren Spaß mit ihnen treiben, ihre Lust an ihnen befriedigen konnten. Er ging vor die Tür um zu versuchen die Leute von ihrem perversen Vorhaben abzubringen. Er bot ihnen sogar seine beiden Töchter anstatt der beiden Männer an. Doch die Stimmung wurde immer aggressiver und schließlich drohte der ganze Fremdenhass des Pöbels auf ihn umzuschlagen. Den beiden Männern die er bei sich beherbergte gelang es gerade noch ihn wieder ins Haus und damit in Sicherheit zu ziehen.
Drinnen offenbarten ihm die beiden Männer nun ihre Absichten. Gott habe sie geschickt, weil er die beiden Städte Sodom und Gomorra vernichten, dem Erdboden gleichmachen wollte. Seine Familie und er müssten so schnell wie möglich die Stadt verlassen, um in Sicherheit zu kommen und nicht mit vernichtet zu werden. Sie drängten zum Aufbruch und zur Eile. Er versuchte noch die beiden Verlobten seiner Töchter zu warnen und zu überreden auch mitzukommen, doch beide wollten ihm nicht glauben.
Dann ging alles sehr schnell. Die beiden Engel, denn das waren die fremden Männer, nahmen seine Frau, seine beiden Töchter und ihn bei der Hand und zerrten sie in Windeseile aus dem Haus und aus der Stadt hinaus. Vor den Toren der Stadt hielten sie an und die beiden Boten Gottes beschworen sie sich nicht umzuschauen und schnellsten weiter zu laufen in die Berge. Doch er wusste, so weit würden sie es nicht schnell genug schaffen, bevor die Katastrophe über die Ebene hereinbrechen würde. Darum bat er die Engel darum doch nach Zoar fliehen zu dürfen, eine kleine Stadt ganz in der Nähe. Die beiden gewährten ihm seine Bitte.
Gerade noch rechtzeitig kamen seine Töchter und er dort an, als das grausame Schauspiel auch schon begann. Vom Himmel regnete es Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra. Seine Frau hatte es nicht überlebt. Kurz bevor sie Zoar erreichten hatte sie sich umgedreht und zurückgeschaut. Sie war augenblicklich zur Salzsäure erstarrt. Deshalb hatte er Angst dort länger als nötig zu bleiben. Nach einem Tag und einer Nacht war er mit seinen beiden Töchtern weiter hinauf ins Gebirge gezogen zu der Höhle, vor der er nun saß.
Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Als er an seine Frau dachte, rollten zwei dicke Tränen über sein mit Haaren zugewachsenes Gesicht. Er hatte sie doch so sehr geliebt. Warum musste sie sich nur umdrehen und zurückschauen?
Hier draußen war es endgültig Nacht geworden. Den Schlauch mit Wein hatte er inzwischen um mehr als die Hälfte gelehrt. Nun setzte er ihn noch mal an seinen Lippen an. Den verbliebenen Rest leerte er in einem Zug. Ein paar Schläuche Wein, seine Töchter und sein Leben, das war das Einzige, was ihm noch geblieben war. Sein ganzer Besitz, das Haus, die Viehherden, Knechte, Mägde und alles, was er sonst noch sein Eigen nannte war der vernichtenden Katastrophe zum Opfer gefallen. Seine Frau war tot. Irgendwo in der Dunkelheit unter ihm lagen die Trümmer dessen, was nun seine Vergangenheit war. Er versuchte darin einen Sinn zu entdecken aber es gelang ihm nicht.
Als er sich nun von dem Stein erhob, der ihm bislang als Sitzgelegenheit gedient hatte, fühlte er sich im Kopf sehr merkwürdig. Der Alkohol hatte seine Gedanken vernebelt und ihn müde gemacht. Schwerfällig drehte er sich um und stieg schwankend zum Eingang der Höhle hinauf.