Am Sonntag, 12.08.2012 waren wir nun schon eine Woche als Reisegruppe in Tansania zusammen.
Vormittags besuchten wir den Gottesdienst der Lutherischen Kirchengemeinde, deren Gotteshaus gleich neben dem Gelände der Diakonie steht. Der Gottesdienst wurde von drei Chören mitgestaltet. U.a. auch vom Jugendchor, mit dem wir tags zuvor noch zwei Lieder geprobt hatten, bei dem wir nun als gemischter, "deutsch-tansanischer" Jugendchor mitsangen.
Mir gefällt diese Form des Gottesdienstes sehr. Ein lutherischer Gottesdienst ist sehr abwechslungsreich und beinhaltet zahlreiche liturgische Elemente. Damit ähnelt er sehr dem katholischen Gottesdienst. Ganz im Gegensatz zu der bei uns in (Baden-)Württemberg üblichen reformierten Form, die vielerorts sehr schlicht und eintönig wirkt.
Nach dem Gottesdienst waren wir zum Mittagessen bei der Kirchengemeinde eingeladen.
Am Nachmittag machte ein Teil unserer Gruppe bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein (wie passend zum Wochentag!) eine Wanderung zu einem Wasserfall. Unser Gastgeber vom Vortag, als wir auf die Ankunft des Hochzeitpaares warteten, begleitete und führte uns.
Auf dem Rückweg zeigte er uns eine weniger dicht bewachsene Stelle. Dort sind kleine, grüne Baby-Bäumchen eingepflanzt worden. Als wir zwei Tage zuvor beim Jugendchor zu Gast waren, hatte er uns bereits in einem Garten neben dem Kindergarten die "Baumschule" gezeigt, ein Beet, in dem die jungen, kleinen Baumsetzlinge eingesät bzw. gezüchtet werden. Diese werden von den Jugendlichen der Gemeinde in den Wald gebracht und dort in den Erdboden gesetzt.
Dann zeigte er uns noch einige ältere, größere Bäume, die darum standen und erklärte uns, dass bereits sein Urgroßvater an dieser Stelle Bäume eingepflanzt hat und diese sind nun so groß geworden. So funktioniert also Aufforstung auf Tansanisch.
Wenn ich die Baumsetzlinge betrachte und im Vergleich dazu deren größere, bereits ausgewachsenen Brüder, dann kommt es mir vor wie ein Wunder, dass aus so kleinen Pflänzchen innerhalb von 3-4 Generationen so große Bäume werden können. Vielleicht ist es möglich, dass etwas so Kleines so groß wird, weil man ihm hier einen Raum gibt, wo es wachsen und sich entfalten kann, sowie die nötige Zeit um sich zu entwickeln und zu reifen.
In unserem Glaubens- und Gemeindeleben erleben wir das oft umgekehrt. Wir wünschen uns ein großes Wunder, suchen den schnellen Erfolg und wollen möglichst einen großen Sprung nach vorne bzw. nach oben machen.
Doch kontinuierliches und stabiles Wachstum braucht Zeit. Es gibt für uns Gläubige, sowohl in unserem persönlichen Leben, als auch im gemeinschaftlichen Miteinander gewisse Entwicklungsschritte, die wir gehen, Stufen, die wir erklimmen, Lektionen, die wir lernen müssen. Wir können keinen dieser Schritte auslassen, keine Stufe überspringen, keine Lektion überblättern. Und manches braucht im Einzelfall eben etwas länger. Doch Gott, von dem wir unsere Lebenszeit zugerechnet bekommen, lässt uns und nimmt sich diese Zeit, die wir benötigen, um in unserem Leben bzw. in unserer Gemeinschaft weiter voranzukommen. Der Prediger gibt diese Weisheit in der Bibel wie folgt wieder:
"Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden, Sterben, Pflanzen, Ausrotten, das gepflanzt ist, Würgen, Heilen, Brechen, Bauen, Weinen, Lachen, Klagen, Tanzen, Steine zerstreuen, Steine sammeln, Herzen, Fernen von Herzen, Suchen, Verlieren, Behalten, Wegwerfen, Zerreißen, Zunähen, Schweigen, Reden, Lieben, Hassen, Streit, Friede hat seine Zeit. Man arbeite, wie man will, so kann man nicht mehr ausrichten. Daher sah ich die Mühe, die GOtt den Menschen gegeben hat, dass sie drinnen geplagt werden. Er aber tut alles fein zu seiner Zeit und lässt ihr Herz sich ängsten, wie es gehen solle in der Welt; denn der Mensch kann doch nicht treffen das Werk, das GOtt tut, weder Anfang noch Ende. Darum merkte ich, dass nichts Besseres drinnen ist, denn fröhlich sein und ihm gütlich tun in seinem Leben. Denn eine jeglicher Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut in all seiner Arbeit das ist eine Gabe GOttes. Ich merkte, dass alles, was GOtt tut, das bestehet immer; man kann nichts dazutun noch abtun; und solches tut GOtt, dass man sich vor ihm fürchten soll." (Prediger 3, 1-14)
Letzte Woche feierten wir den Reformationstag. Auch die Reformation brauchte ihre Zeit. Was im Mittelalter als kleiner "Setzling" mit einigen wenigen mutigen Männern Gottes wie Martin Luther begann, hat sich bis heute zu einer großen, in allen Teilen der Welt vertretenen Konfession entwickelt. Aus einem winzigen Pflänzchen hat sich ein großer Baum entwickelt, der in den letzten Jahrzehnten/Jahrhunderten durch Abspaltungen und Aufgliederungen in eine fast unüberschaubare Zahl von freien (inner)kirchlichen Gruppen und evangelikalen Freikirchen viele Ableger hinzu bekommen hat. Der Abspann des bekannten Lutherfilms von 2003 mit Joseph Fiennes gibt uns folgende Information:
Was in Augsburg geschah, öffnete das Tor zur Religionsfreiheit und veränderte die Welt. Martin Luther lebte, lehrte und predigte Gottes Wort noch weitere 16 Jahre. [...] Seine Bibelübersetzung legte den Grundstein für eine gemeinsame deutsche Sprache. Heute feiern 540 Millionen Menschen den Gottesdienst so, wie Luther ihm Gestalt verlieh.